Willkommen bei Jutta Qu'ja Hartmann schmuckleiste

Erfahrungen in Auschwitz —

Bericht einer Zeremonialreise

Wie schreibt man über das Unbeschreibliche? Wo sind die Worte, die dem Unfassbaren Sprache geben und vermitteln können, wie es ist, auf dem größten Friedhof der Menschheit zu stehen — und weit und breit kein Grab?

Die Luft ist frisch und klar an diesem sonnigen Tag im Spät–Oktober und doch ist sie geschwängert von der Stimmung der Vernichtung. Über allem liegt das Gefühl des Grauens, der Tod ist hier zum Anfassen nahe, auch nach über 70 Jahren noch — alleine das ist unfassbar.

Doch es ist nicht der Tod, der das Atmen schwer macht, den Blick zu Boden zwingt, es ist die Art, wie hier Sterben zelebriert wurde. Sterben auf die herzloseste Art, von oben befohlen und auf allen hierarchischen Ebenen von den Befehlsempfängern ausgeführt, gedankenlos, herzlos, wie automatische Maschinen, deren Regler auf „töten“ gestellt wurde und die danach seelenlos agierten.
Und die, die so töteten waren ganz normale Menschen, keine Monster. Es waren Familienväter, junge Männer, Mütter, junge Frauen, gerade der Pubertät entwachsen. Die, die so handelten waren Soldaten, Ärzte, Handwerker und junge Menschen, die zur Heimatfront gehörten und die Wahl gehabt hatten zwischen der Arbeit in Industrie- und Rüstungsbetrieben oder „Spezialaufgaben“.

Wegen so einer jungen Frau war unsere Gruppe nach Auschwitz gekommen. Vor die Wahl gestellt, Arbeit in einem Betrieb oder Ausbildung zur Funkerin, hatte sich die 20-jährige für Letzteres entschieden und eine mehrmonatige Ausbildung zur Funkerin durchlaufen. Da sie dem NS–Regime sehr zugetan war, wurde sie an einen nicht weiter benannten Ort entsandt, um dort zu arbeiten. Ihr Arbeitsplatz war die SS–Kommandatur Auschwitz II, die Kommandozentrale des Vernichtungslagers Birkenau.
Alle, die die Ausbildung durchlaufen hatten, waren automatisch zu SS Mitgliedern bzw. SS Helfern geworden und hatten eine Vielzahl von Stillschweige–Schwüren leisten müssen. Offenbar mit Erfolg, denn die Frau hatte während ihres ganzen Lebens, noch 65 Jahre lang, mit niemandem je darüber gesprochen.
Für ihre Kinder wurde dieses Wissen nach ihrem Tod zugänglich — ein schweres Erbe. Sie waren es, die mich darum gebeten hatten, in Auschwitz Zeremonien zu machen, um Heilung in die Familie und zu den Opfern des Regimes zu bringen.

Ankunft in Polen

Der Altar im Hotel

Der Altar im Hotel. Jeden Morgen und Abend saßen wir hier im Schweigen, haben gesungen und gebetet und erzählten von unseren Eindrücken und Erfahrungen. Diese Zeit des Innehaltens und des Gebets machte es uns möglich, bei der Wucht der Eindrücke, im Fühlen zu bleiben.

Nach langer Anreise kamen wir abends im Hotel in Katowice (Kattowitz) an, ein Ort des Rückzugs und für die nächsten Tage unser Basislager. Vor Ort stellten wir in allen Zimmern Altäre auf und in meinem Zimmer den großen Gruppenaltar, an dem wir uns morgens und abends trafen.
Sammlung, einander begegnen, Erfahrungsaustausch, Beten, Kraft tanken, dem Vorhaben Rückgrat geben — all dies bot uns der Altar und die Treffen wurden zu besonderen Momenten für unsere Gruppe.

Der erste Tag im KZ

Am nächsten Morgen reisten wir nach Oświęcim, der Ort, den die Deutschen in Auschwitz umbenannten und hier das KZ Auschwitz I errichteten. Vor dem Eingang stehen Busse, Menschen aus aller Welt warten, um in der Gedenkstätte Einlass zu finden. Am Informationsschalter vor dem Eingang erfahren wir von einem Pendelbus, der regelmäßig zum Vernichtungslager Birkenau fährt. Wir nehmen den Bus. Die Route führt ca. 10 Minuten durch eine normale Wohngegend, Ein– und Mehrfamilienhäuser, Gemüsegärten, Kinderschaukeln, bellende Hunde — dies könnte der Stadtrand einer beliebigen Stadt in Europa sein.

Wachturm im KZ Auschwitz I

Stacheldraht, Starkstrom und Wachtürme — vor der Vernichtung gab es kein Entrinnen.

Fast am Lager angekommen, breitet sich unbebautes, Gras bewachsenes Gelände aus, ein großer Parkplatz, eine moderne jüdische Gedenkstätte und dann fällt der Blick auf die Bahnschienen, die zwischen zwei Wachtürmen hindurch ins Lager führen.
Dieses Bild ging um die Welt und hat sich zusammen mit dem Schriftzug über dem Eingang zum Lager Auschwitz 1 „Arbeit macht frei“, im kollektiven Gedächtnis der Menschheit eingeprägt als Symbol für Barbarei, Genozid und die Unmenschlichkeit des NS–Regimes.

Als wir auf den Schienen ins Lager gehen, dem Weg, den die Züge nahmen — beladen mit Viehwaggons voller Menschen, zusammen gepfercht und auf der Reise in den sicheren Tod, das hat uns im Mark getroffen. Allein die Tatsache, dass wir frei hinein gehen konnten und auch jederzeit als freie Menschen das Lager wieder verlassen konnten, das hat uns aufs Heftigste erschüttert.
Im Moment, als wir über die Schienen ins Lager treten, erfaßt uns die ganze Wucht der Ausweglosigkeit von Millionen — ein Gefühl, so stark, dass es den Atem zum Stoppen bringt und der ganze Körper in Resonanz gerät mit dem, was hier unzählige Körper durchlebt und erlitten haben — ein Empfinden jenseits aller Worte.

Stacheldrahtzäune im Lager Auschwitz-Birkenau

Fünf Quadratkilometer von Zäunen umgebenes Grauen.

Jeder von uns mußte einen eigenen Weg finden, mit dieser unmittelbar wirkenden Wucht umzugehen. Einige blieben stehen und konzentrierten sich darauf, wieder zu atmen, andere begannen zu beten, zu singen oder versanken für lange Zeit in Schweigen. Auf jeden Fall mußten wir einen Weg finden, in all dem fühlend zu bleiben.

Was wir uns vorgenommen hatten, die Zeremonien, würden wir nur tun können, wenn wir mit offenem Herzen anwesend bleiben würden. Das Fühlen wach zu halten und einen Weg mitten durch das Überwältigende zu finden, mit uns verbunden bleiben und fühlend, das war unsere erste Aufgabe in Auschwitz II–Birkenau.

Im Laufe des Tages sind wir über das ganze Gelände des Vernichtungslagers gegangen, haben tief in das Land hinein gefühlt und alles auf uns wirken lassen. Wir haben die Hinweise auf den im Gelände verteilten Schautafeln gelesen und den Weg, den die Neuankömmlinge im KZ nehmen mußten, nachempfunden. Nach einigen Stunden wurde der Ort für uns so lebendig, dass wir die Stimmen der hier Verstorbenen hören konnten — plötzlich war alles voller Menschen, das Lager begann zu leben.

Wir beteten, sangen, atmeten und waren da. Wir zeigten uns den Verstorbenen, zeigten ihnen unsere Lebendigkeit und unsere Bereitschaft, ihnen zu begegnen. Nach einiger Zeit wurde es wieder ruhiger, wir waren gesehen worden. Da verließen wir das Gelände und fuhren zurück ins Hotel, hielten dort Andacht und beendeten den Tag in aller Ruhe.

Tag 2 im KZ Auschwitz II–Birkenau

Der Altar im Fußraum unseres Autos

Jeden Tag machten wir, am KZ angekommen,
im Fußraum des Autos einen Altar.

Am Morgen hatten wir den Ablauf der Zeremonien besprochen und fuhren mit dem Auto direkt zum Hintereingang des KZ. Im Fußraum des Wagens bauten wir unseren „mobilen Altar“ auf und begannen mit Liedern, Gebeten und Rezitationen. Am Eingang des Geländes verlasen zwei aus der Gruppe ihre Briefe an die Ermordeten — Worte, die sich wie ein Mantel der Mitmenschlichkeit ausbreiteten.

Beladen mit 134 Wasserproben aus ganz Europa gingen wir direkt zum Teich der hinter der Gaskammer 4 und dem Krematorium liegt. Hier hatten die jüdischen Gefangenen des Sondertrupps die Asche der Leichen aus den Verbrennungsöfen zu entsorgen, bis seine Kapazität erschöpft war und die Asche in die Bäche und Flüsse der Umgebung und auf die umliegenden Felder gebracht worden war.

Wasserzeremonie im Ascheteich des Lagers …

… in direkter Nähe des Krematoriums

Während der Wasser–Zeremonie gossen wir Wasser aus ca. hundert europäischen Flüssen und Bächen in den Ascheteich, um so den unzähligen, aus allen Regionen Europas verschleppten Opfern eine Anbindung an ihre Heimat zu bringen. Der Ascheteich ist ein in direkter Nähe der Krematorien gelegener kleiner Teich auf dem Gelände des KZ, in den die Asche der Verbrannten geschüttet wurde, solange seine Kapazität dies zuließ.

Wir setzten uns ans Ufer und sangen für die unzähligen Ermordeten, dann lasen wir die Details zur Herkunft des Wassers vor und gossen es einzeln hinein. Dieses Wasser sollte den Toten die Möglichkeit geben, sich mit ihrer Heimat zu verbinden und das wurde spürbar. Jeder wurde geachtet und geehrt, Lebende und Tote und ein zarter Hauch von Erinnerung, Dankbarkeit und sanftem Sehnen breitete sich über dem Gelände aus.

Am Nachmittag fuhren wir mit unserem Wagen in einem großen Radius um das ganze Gelände des Vernichtungslagers. Wir verteilten kleine imprägnierte Schwitzhüttensteine rund um das KZ, in die ich zuvor Leichengift–Ausleitung eingebettet hatte. Hiermit soll die Wirkung der im ganzen Landstrich verstreuten Leichenasche auf die heute lebenden Menschen neutralisiert werden, denn rund um das KZ stehen viele bewohnte Häuser, in denen Menschen ganz normal leben.Wie das möglich sein kann, am ersten Tag noch unvorstellbar, wurde uns bereits am zweiten Tag klar; nach nur zwei Tagen auf dem Gelände wurde es für uns alle schwieriger, noch das ganze Ausmaß des Schreckens zu spüren. Es war, als würden sich unsere Wahrnehmungsebenen blitzschnell auf die neuen Umstände einstellen und nicht mehr alle Erfahrungen an uns heranlassen — als wenn sich unsere Augen und der Körper selbständig auf diese neue „Normalität“ einstellen würden, um die Menge des Fühlens und Erlebens zu steuern und anzupassen. Plötzlich war der Ort — gestern noch ein Ort fürchterlichsten Grauens — ein Ort, der nur noch gedacht als furchtbar erlebt werden konnte; Körper und Emotionen hatten sich bereits heruntergeregelt und reagierten nicht mehr alarmiert sondern deutlich normaler. Unfassbar!

Um wieder tiefer einzutauchen, verließen wir die Gegend des Lagers Birkenau und besuchten das KZ Auschwitz I, heute ein Museum und UNESCO Weltkulturerbe. Vor dem Betreten des Museums durchläuft man einen modernen Sicherheitscheck, so wie wir ihn von Flughäfen kennen, die ganze moderne Normalität und nur einige Meter hinter der Sicherheitsschleuse beginnt das KZ Auschwitz I.
Wir durchquerten das Tor mit der Losung „Arbeit macht frei“ und hier traf uns die Energie erneut mit voller Wucht.

KZ Auschwitz I, das Stammlager

Auf unserem Weg durch das KZ haben wir drei der ehemaligen Lagerbaracken betreten. In einer wird anhand unzähliger Dokumente und Ausstellungsstücke das Leiden des polnischen Volkes erfahrbar gemacht. Wir lasen die Beschreibungen der Kriegssituation auf polnischem Boden — dem konnte niemand entkommen.
Aufgerieben zwischen zwei Fronten, da die deutschen und die russischen Soldaten fast zeitgleich ins Land einfielen, erlebten sie in unbeschreiblichem Ausmaß Gewalt, Deportation und Tod durch ihre Besatzer.
Gezeigt werden in diesem Gebäude u. a. unzählige Fotos, NS–Unterlagen und Protokolle, die Versuche an Kindern, Frauen und Männern durch KZ–Ärzte dokumentieren. Wir sahen Bilddokumente von Erschießungen, Folterungen und dem Lageralltag — und diese Fotos müssen von Beobachtern gemacht worden sein — wie soll man so etwas nachempfinden?
Auf einem Foto sieht man einen jungen deutschen Soldaten, der von seinen Vorgesetzten lachend genötigt wird, einem nackten Menschen von hinten in den Kopf zu schießen. Der Schrecken des genötigten Täters und der Schrecken des Opfers im Angesicht des bevorstehenden Sterbens ist so nah beieinander —. Es macht uns Betrachter sprachlos.
Man kann auf dem Foto sehen, wie der Täter durch das Ausführen des Tötens seine Lebendigkeit verlieren wird und durch das fortwährende Töten eine Verrohung erfährt, die ihn zu einem seelenlosen Wesen werden läßt. In diesem Moment entscheidet sich sein weiteres Leben und der Tod des Menschen, der vor ihm steht — was für eine unbeschreiblich schreckliche Situation.

Nach den ersten Bildern war unser Fühlen wieder da.
Wir gingen noch zur Todesmauer und in die Lagerbaracke, in der Häftlinge in Mini–Stehzellen oder Zellen ohne Sauerstoff inhaftiert worden waren, — hier haben wir den Besuch beendet, es war zu viel für uns, der Eindruck war zu mächtig. Unser Fühlen hatte seine Grenze erreicht, würden wir weiter gehen, würden wir verloren gehen und wir achteten darauf, dass wir unter der Wucht der Eindrücke nicht verloren gingen, wir wollten für die Verstorbenen präsent sein.

Tag 3 im Lager Birkenau

Beginn des Blumenmandalas

Blumenmandala — Zu Ehren der über 1 Millionen Ermordeten legten wir ein Blumenmandala. Auf diesem offenen Platz wurden jene verbrannt, die in den Krematorien keinen Platz fanden. Ihre Asche wehte der Wind über das ganze Gelände und den ganzen Landstrich.

Wir legen die Blüten aus

Jedes einzelne Blatt, jede Blüte, jedes Blütenblatt wurde mit einem Gebet für die Opfer niedergelegt — nach unzähligen Stunden lag ein Davidstern auf dem ehemaligen Platz der Vernichtung.

Ein Blütenmeer in Form eines Davidsterns

Schönheit und Hoffnung für alle, denen angesichts des bevorstehenden Untergangs keine Hoffnung blieb. Wir gedenken Euer!

Am letzten Tag besuchten wir morgens in Katowice einige Blumenläden und kauften große Mengen wundervoller Blumen, aus denen wir ein Blumenmandala kreieren wollten. Beladen mit betörender Schönheit betraten wir das Lager; genau das, was wir den Opfern schenken wollten. Das Mandala legten wir an einem ganz besonderen Ort im Vernichtungslager aus.

Im hintersten Winkel liegt eine Wiese, dort waren die Leichen auf offenen Feuern verbrannt worden, nachdem die Kapazität der Brennöfen erschöpft war. Hier legten wir Blüten, unzählige Blütenblätter, Herbstblätter und die grünen Blumenblätter mit Gebeten zum Mandala aus. Nach vielen, vielen Stunden wurde der Davidstern im Blumenmandala sichtbar.
Das Innere des Sterns wurde mit unzähligen Blättern Herbstlaub der umgebenden Bäume gefüllt. Jedes Blatt wurde für einen hier Getöteten mit einem Gebet niedergelegt. Der äußere Rand des Davidsterns wurde mit den grünen Blättern der Blumen umrandet. Jedes Blatt wurde für das ewige Leben, dass es immer weiter geht, für die Hoffnung und die Nachfahren der Verbrannten gelegt.

Ins Zentrum des Sterns kam ein Kreis weißer Blüten, er steht für die Liebe, für alle die hier umkamen und dass niemand vergessen wird und niemand zurückgelassen wird. Die Stiefmütterchen sind für die Kinder, die hier im KZ ermordet wurden.

Dann stellten wir für den Segen der Kräfte Räucherstäbchen auf und der Rauch zog über den ganzen Platz. Zum Schluss streuten wir Agnihotra Asche auf die Blumen — da wurde der ganze Platz lebendig.
Wir verließen den Platz und gingen in aller Ruhe zum Auto — was wir während dieser Tage tun konnten, das hatten wir getan. Wir sangen, beteten, schwiegen und umarmten uns und dann traten wir erschöpft und tief berührt unsere Heimreise an.

In ein paar Jahren werden wir wieder nach Auschwitz fahren und dort Zeremonien machen, das steht für uns bereits fest.











Fakten

Am Rande der Stadt Oświęcim liegen die KZs Auschwitz I–III und die ca. 50 Nebenlager, auch als Auschwitz IV zusammengefaßt.

Die Deutschen besetzten den Ort im September 1939 und nannte ihn Auschwitz.
Bereits im April 1940 wurde auf Anordnung Heinrich Himmlers mit dem Bau des KZs Auschwitz I begonnen und nur 4 Wochen später trafen die ersten Häftlinge ein. Im März 1941 erging der Befehl, eine Lagererweiterung vorzunehmen, im Oktober begannen die Bauarbeiten für das Lager Auschwitz II–Birkenau, das für 100.000 Häftlinge ausgelegt wurde. Für dieses riesige Lager wurde das Dorf Brzezinka (Birkenau) dem Erdboden gleich gemacht, die Bevölkerung umgesiedelt, zu Zwangsarbeiten verpflichtet oder in KZs anderer Bezirke verbracht.

 

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